Wir sind das Volk! - Review

Spieler: 2
tatsächliche Spielzeit: 3-4 h
Genre: wirtschaftspolitische Konfliktsimulation (card-driven)
Thema: Die Geschichte des geteilten Deutschlands
Komplexität: hoch, aber leichter Zugang für ein Cosim
Catch Up: Keine
Alter: Nichts für Kiddies
Sprache: Deutsch/Englisch zweisprachig
Autor: Peer Sylvester & Richard Sivél
Verlag: Histogame


„Wir sind das Volk!“ hört man in letzter Zeit viele rufen. Viele, die einfache Antworten hinter komplexen Zusammenhängen vermuten. Die Mühe, für die Wahrheit zu ackern, nach ihr zu graben, machen sie sich nicht, auch wenn sie das Gegenteil behaupten. Sie rennen Wortverdrehern und Verschwörungstheoretikern hinterher die es aus gutem Grund nicht in renommierte journalistische Kreise geschafft haben. Und sie brüllen diese Parole in aggressivem und ausgrenzenden Tonfall, obwohl sie ursprünglich eine ganz gegenteilige Bedeutung hatte. Das Spiel, welches ich euch jetzt vorstellen will, erzählt davon.

„Wir sind das Volk!“ ist eine wirtschaftspolitische Konfliktsimulation, in der die Spieler die Führung der BRD und der DDR übernehmen und vom Ende des zweiten Weltkrieg bis zum Mauerfall führen.


KOMPONENTEN

1 Spielplan (65 x 43 cm)
50 Holzsteine "Unruhe"
12 Holzsteine "Sozialist"
35 Holzsteine "Lebensstandard"
84 Aktionskarten
2 Stanzbögen
1 Spielregel


DIE SPIELMECHANIK

Der Spielplan ist eine Karte der BRD und der DDR eingeteilt in ihre Bundesländer. Darin befindet sich ein Netz aus Städten und Straßen. Die Spieler können in den Städten Industrie hochziehen und diese mit Infrastruktur verbinden, was ihre Gesamtleistung steigert. Die Industrie dient der „Produktion“ von Lebensstandard, welcher auch auf dem Plan platziert wird. Dieser beugt Unruhe vor, erhöht sie aber in andern Bundesländern, sollte sich eine zu Hohe Differenz ergeben (nur gut, wenn die Grenze dazwischen liegt). Unruhe ist die größte Gefahr für beide Staaten. Sie kann zu Massenaufständen führen, so dass Bundesländer wirtschaftlich nicht weiter ausgebaut werden können, bis hin zum Systemkollaps, der ein mögliches Ende des Spiels bedeutet.

Bei „Wir sind das Volk!“ werden fast alle Handlungen der Spieler über das Ausspielen von Karten ausgeführt. Die Karten besitzen (ähnlich zu Twilight Struggle, Hannibal, Here I Stand etc.) einen Punktwert und ein Event. Der Spieler sucht sich aus, ob er das Event auslöst (z. B. Den Kniefall in Warschau ´56 oder die RAF der 70er) oder die Punkte verwendet, um auf dem Spielplan die Wirtschaft seines Landes auszubauen, Unruhe zu bekämpfen und den Wohlstand zu befördern. Innovativ ist, dass jeder Spieler nur zwei Handkarten hält, und sieben weitere auf dem Tisch liegen, welche er mit seinem Gegner teilen muss! Man spielt also größtenteils aus der selben Kartenhand, was eine enorme Spannung generiert und eine sehr schöne Analogie zum Thema eines geteilten Landes liefert. Außerdem hat der DDR Spieler immer noch ein Ass im Ärmel, ein sehr schlagkräftiges aber ambivalentes Event, was nur durch ihn ausgelöst werden kann (Mauerbau, russische Panzer, Honecker entmachtet Ulbricht, Mauerfall).

Das Spiel ist in vier Dekaden (vier Kartendecks) eingeteilt, die immer in zwei Halbdekaden getrennt sind. In einer Halbdekade werden die sieben gemeinsamen Karten + eventuelle Handkarten gespielt. Danach wiederholt sich der Vorgang durch das Austeilen sieben neuer Karten.

Am Ende der Dekade werden einige Schritte abgehandelt, welche die Situation in den beiden Staaten stark beeinflusst. Die DDR hat dann beispielsweise mit Republikflucht zu kämpfen, wobei Faktoren wie Lebensstandard, Massenproteste und Härte des Durchgreifens des DDR Spielers durch Staatsgewalt eine Rolle spielen. Auch gibt es für die DDR das Problem mit dem Devisenmarkt, denn hoher Lebensstandard will von einem kleinen Land durch Importe erreicht werden, was die Staatsverschuldung erhöht. Das führt unter anderem auch zu einer maroden Industrie, welche aktuellen Anforderungen nicht mehr gewachsen ist.

Wir sehen, die DDR hat es nicht leicht, kann aber mittels Stasi-Methoden gegensteuern, sowie durch die Einschleusung von Kadern in die Protestbewegungen. Aber auch durch liberale Führung und Fokus auf wirtschaftlichen Aufbau sind Erfolge möglich.
Die BRD baut stets ihre Wirtschaft auf und versucht durch die Erzeugung eines hohen Wohlstandsgefälle im Ost-West Vergleich die Unzufriedenheit der DDR-Bürger zu erhöhen und diese zum Aufstand zu führen.

Ich kann in diesem Review die Mechanik nur andeuten, da das Spiel schon eines der komplexen Sorte ist. Viele wichtige Eckpunkte (z.B. die umfassende Berücksichtigung der Sondersituation in West-Berlin, die vielen möglichen Spielausgänge, der Ost-West Vergleich, der Wirtschaftsabbau etc.) muss ich auf Grund der Kürze überspringen.


DAS THEMA

Die Thematik ist mit der Mechanik ausgezeichnet verwoben und bringt den Hobby-Volkswirt und Politologen in Einem in Verzückung:

Stahlkrise zerstört Industriezentren in NRW!
Benno Ohnesorg wird erschossen, was zu großen Krawallen in der Hauptstadt und zu Unmut im ganzen Land führt!
Warschauer Pakt stützt Wirtschaft der DDR!
Aufstand am 17. Juni gefährdet die Integrität der DDR, nur sowjetische Panzer können die Stabilität aufrechterhalten. Viele fliehen, was nur durch den Bau der Mauer gestoppt werden konnte.
Das Transitabkommen erleichtert die Versorgung West-Berlins, doch auch die DDR freut sich über jede Menge Devisen, die durch den Zoll ins Land kommen!

Hört sich an wie Schlagzeilen? All das und viel mehr wird konkret in diesem Spiel thematisiert und glaubhaft umgesetzt. So wird Geschichte lebendig.


ARTWORKS UND KOMPONENTEN

Das Spielfeld ist recht klein, wodurch es manchmal etwas voll wird. Die Kolorierung ist Geschmackssache, mir gefällt sie aber sehr gut, weil sie optisch den Flair der alten Bonner Zeit ganz gut rüberbringt. Ansonsten sind die Komponenten qualitativ hochwertig (gerade für ein Cosim).


FÜR WEN:

Für Jeden, der sich für die Geschichte unseres Landes interessiert und sich ihr auf eine neue Weise nähern möchte.
Für jeden der, diese aufregende Zeit miterlebt hat und reflektieren möchte.
Alle die die richtig harten Strategiespiele mögen.
Wer einen guten Einstieg in politische Konfliktsimulationen sucht oder Anderen dieses schöne Hobby näher bringen möchte.

FÜR WEN NICHT:

Das Spiel ist gar nichts für zwischendurch, es ist Abendfüllend.
Wer keinen Bock auf lange und komplexe Spielanleitungen hat.
Das Spiel ist sehr konfrontativ, also nichts für leicht reizbare Gemüter.



FAZIT

Endlich gibt es das Spiel zur Deutsch-deutschen Geschichte und ich bin auch froh darüber, dass es aus Deutschland kommt. Denn der hiesige Spielmarkt hält sich bekanntlich größtenteils von politischen oder gar militärischen Spielen fern. Es ist schön, dass Histogame da einen Anfang macht. Selbiger Verlag hat auch schon mit „Friedrich“ ein gutes Cosim herausgegeben und die Aufnahme von Spielen des Designers Bowen Simmons in das Sortiment sind auf jeden Fall Schritte in die richtige Richtung. Das möchte ich auf jeden Fall unterstützen.

Auch den beiden Autoren möchte ich für diese Leistung gratulieren, macht weiter so!

Für alle von euch, die sich für Geschichte interessieren und sich nicht scheuen, auch mal eine Stunde an einem Regelbuch zu sitzen, bis es losgehen kann, kann ich dieses Spiel wärmstens empfehlen. Denn der Aufwand lohnt sich. Ihr bekommt ein solides, kompetitives und anspruchsvolles Strategiespiel geliefert, was zusätzlich dazu noch ermöglicht, die Geschichte Ost- und Westdeutschlands aus wirtschaftspolitischer Perspektive beider Seiten zu erleben.

Ich muss dazu natürlich noch sagen, dass dieses Spiel nur eine Interpretation der Ereignisse ist und keinen Anspruch auf absolute Wahrheit hegt. Aber genau das führt dazu, dass Spieler am Ende einer Partie bei einem Glas Wein oder Bier aus dem Fachsimpeln nicht mehr rauskommen. So liebe ich das.



REGELUPDATE DEUTSCH:

http://www.histogame.de/WSDV/Wir.sind.das.Volk.Regeln.pdf

Der Startaufbau sowie eine Regel zum Spielablauf musste nachträglich geändert werden, um die Spielbalance zu verbessern. Sie sind auf Seite drei der Anleitung rot markiert. Es sind nur minimale Regeländerungen, also kein Grund zur Sorge ;).


Schon gespielt? Dann schildert uns doch kurz eure Erfahrungen:

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